Das Buch des Jahres 2025 „The Real Paul Morphy“ von Charles Hertan

Seit mehr als vier Jahrzehnten zählt der ECF Book of the Year Award zu den angesehensten Auszeichnungen für Schachliteratur. Verliehen von der English Chess Federation (ECF), würdigt er jedes Jahr das beste englischsprachige Schachbuch, das durch Qualität, Originalität und seinen Beitrag zur Schachgemeinschaft überzeugt.

Eine Tradition seit 1982

Der Preis wurde 1982 ins Leben gerufen und hat sich seither als Maßstab für herausragende Schachbücher etabliert. Ausgezeichnet werden Werke, die inhaltlich und gestalterisch überzeugen – von Lehrbüchern über Biografien bis hin zu historischen Analysen. Ziel ist es, hochwertige Schachliteratur zu fördern und den Zugang zu fundiertem Wissen über das königliche Spiel zu stärken.

Die Jury wechselt jährlich und setzt sich aus erfahrenen Schachspielern, Autoren und Funktionären zusammen. In der Vergangenheit gehörten unter anderem Großmeister John Nunn zu den Juroren. Eine Shortlist der besten Titel wird erstellt, bevor das Siegerbuch bekannt gegeben wird.

2025: Ein Tribut an den „Stolz und Schmerz des Schachs“

Der ECF Book of the Year 2025 geht an „The Real Paul Morphy“ von Charles Hertan, erschienen im renommierten Verlag New In Chess.
Die Jury – bestehend aus Ray Edwards, Jovanka Houska und Sean Marsh – beschreibt das Werk als

„A worthy tribute to a player often described as ‘The pride and sorrow of chess.’“

Paul Morphy, geboren 1837 in New Orleans, galt als eines der größten Naturtalente der Schachgeschichte. Mit nur zwölf Jahren besiegte er den etablierten Meister Löwenthal und machte erstmals auf sich aufmerksam. 1857 gewann er das Turnier des Ersten Amerikanischen Schachkongresses in überlegener Manier – ein Ereignis, das ihn schlagartig landesweit bekannt machte. Ein Jahr später dominierte er die europäische Schachelite und kehrte als gefeierter Nationalheld in die USA zurück. Doch seine Karriere war ebenso kurz wie glänzend: Nach nur zwei Jahren ernsthaften Wettkampfs zog sich Morphy vom Schach zurück, verfiel in persönliche Krisen und starb mit nur 47 Jahren – eine Figur zwischen Genie und Tragödie.

Hertans Biografie beleuchtet alle Aspekte von Morphys Leben und Vermächtnis. Sie führt den Leser von den Anfängen in New Orleans über seine zwei intensiven Jahre im internationalen Wettbewerb bis zu seinem Rückzug aus der Öffentlichkeit. Sämtliche wichtigen Partien, einschließlich vieler Gelegenheitsspiele, sind ausführlich kommentiert und in ihren historischen Kontext eingebettet.

Tiefgang und psychologischer Blick

Charles Hertan, selbst professioneller Psychotherapeut, verbindet in seiner Darstellung Schachkompetenz mit psychologischem Feingefühl. Die Jury lobte insbesondere seine Fähigkeit, die mentalen Aspekte von Morphys Niedergang verständlich und empathisch zu beleuchten.

„Charles Hertan writes well and clearly. As a professional psychotherapist, he is well qualified to consider the mental issues associated with Morphy’s decline.“

Das Buch ist sorgfältig produziert, mit zahlreichen hochwertigen Fotografien, und bietet eine ebenso umfassende wie lesenswerte Hommage an einen der prägendsten Spieler des 19. Jahrhunderts.

Die Bedeutung des Preises

Zwar ist der ECF Award nicht mit einem Geldpreis verbunden, doch gilt die Auszeichnung als ein enormer Prestigegewinn. Für Autor und Verlag bedeutet sie internationale Aufmerksamkeit, steigende Buchverkäufe und nachhaltige Anerkennung in der Schachwelt.

Die Gewinner der letzten Jahre unterstreichen das hohe Niveau des Wettbewerbs:

  • 2024: In Black and White von Paul van der Sterren – eine tief persönliche Auseinandersetzung mit einem Schachleben zwischen Spiritualität und Leistung.
  • 2023: A Matter of Endgame Technique von Jacob Aagaard – ein Lehrwerk, das das Endspiel als präzise Kunstform neu interpretiert.

Fazit

Mit The Real Paul Morphy ehrt die ECF ein Werk, das Vergangenheit und Gegenwart des Schachs auf beeindruckende Weise verbindet. Hertan gelingt es, den Menschen hinter der Legende sichtbar zu machen – und zugleich die Grundlagen des modernen Schachs in einem historischen Kontext lebendig werden zu lassen.

Ein Buch, das zeigt, warum der Name Paul Morphy noch immer als Synonym für Genie, Tragik und zeitlose Schachkunst steht.

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